16.11.2011, 10:43 Uhr
Königin Elisabeth I. (Vanessa Redgrave) ist eine der wenigen, die wissen, dass Edward de Vere (Rhys Ifans) alle Werke von William Shakespeare verfasst hat. (Foto: Sony)
Edward de Vere (Rhys Ifans), Graf von Oxford, befindet sich in einer mehr als prekären Zwickmühle. Einerseits hat er ungemein großes schriftstellerisches Talent, andererseits käme eine Veröffentlichung seiner aufrührerischen Worte seinem eigenen Todesurteil gleich. Doch zu sehr drängt es den intelligenten, weltgewandten Edelmann, so mancherlei Intrigen- und Ränkespiel am Hofe Königin Elisabeths (Vanessa Redgrave) bekannt zu machen, zu groß ist die Lust an ketzerischen Worten über verbotene Liebschaften und habgierige Emporkömmlinge. Als der Graf dem Theaterschauspieler William Shakespeare (Rafe Spall) begegnet, sieht er sofort in dessen jetziger Situation zwei Dinge, die von großem Nutzen für ihn sein könnten: Der nicht übermäßig intelligente Sohn einfacher Leute ist nicht nur mittellos, sondern auch von dem Ehrgeiz zerfressen, zu Lebzeiten ein berühmter Mann zu werden.
Shakespeare wird der literarische Strohmann des verhinderten Dichters. Unter seinem Namen gelangt das geistige Dynamit des Grafen auf die Londoner Bühnen, wo es vom Volk als Spiegel der Gesellschaft und der menschlichen Natur begeistert gefeiert wird. Niemand darf wissen, dass die Worte von Mord, Intrigen, Inzest oder Habgier aus der Feder jenes Mannes stammen, der als Junge (Jamie Campbell Bower) im Haushalt von William Cecil (David Thewlis) aufwuchs, der schon der jungen Königin (Joely Richardson) als wichtigster politischer Berater zur Seite stand, zumal dessen Sohn Robert (Edward Hogg) sein ärgster Feind am intriganten Königshof geworden ist. Doch was zunächst wie eine ausgezeichnete Lösung für den Grafen aussah, um seine kreative Ader auszuleben, wird für ihn zunehmend zu einem persönlichen Dilemma. Hilflos muss er mit ansehen, wie ein anderer den Ruhm seines Schaffens erntet. So sehr der Graf sich auch wünscht, die geistige Urheberschaft für sein Werk zu offenbaren, so sehr muss er die Konsequenzen fürchten, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Und hinter jeder Tür lauert der Verrat!
Der neuste Film von Roland Emmerich ("2012") befasst sich mit einem uralten Streitthema der Sprachhistoriker. Es geht um die geistige Urheberschaft jener berühmten Dramen, Gedichte und Sonette, die William Shakespeares Feder zugeschrieben wurden. In dem Historiendrama "Anonymus" greift der für seine Straßenfeger bekannte Regisseur die Gegenthese auf und spinnt den Gedanken, dass Shakespeare lediglich als literarischer Strohmann fungierte, zu einer intelligenten, dabei gleichermaßen glaubhaften wie schlüssigen Geschichte. In einem hoch spannenden Thriller um intrigante Ränkespiele bei Hof und blutgierige Machtkämpfe entsteht die politische Schlangengrube des elisabethanischen Zeitalters derart plastisch vor den Augen der Zuschauer, dass sie vom Sog des Erzählflusses mitgerissen werden. Eine wahrhaft brillante Story, die da aufgetischt wird!
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