02.11.2011, 14:25 Uhr
Der "Arzt ohne Grenzen" (Wotan Wilke Möhring) wird unbeabsichtigt zum Fluchthelfer von Jackie (Clare-Hope Ashitey). (Foto: allergofilm)
Peter (Fritz Karl) hat sich schon früh von der prestigeträchtigen und für ihn verlogenen Welt seiner Eltern gelöst. Trotz seines Bildungsstandes und den offensichtlichen Möglichkeiten hat er sich längst für ein anderes Leben entschieden. Fernfahrer, das wollte er schon immer werden, etwas "Handfestes" leisten und nebenbei fremde Länder sehen. Mittlerweile ist Peter in der raubeinigen Truckerwelt fest integriert. Die Spanier nennen den Selfmademan, der bevorzugt die Strecke Europa - Nordafrika fährt, respektvoll Don Pedro. Mit seinem querschnittsgelähmten Geschäftspartner Jimmy (Karl Markovics) hat er für ihre Spedition ein lukratives, aber auch sehr riskantes Geschäftskonzept erstellt: Auf der Hinfahrt bringt Don Pedro ukrainischen Knoblauch nach Marokko, zurück schmuggelt er afrikanische Flüchtlinge in einem eigens für diese Zwecke im Frachtraum eingebauten Versteck über die Schengen-Grenze. Mittlerweile ist der heikle Transport längst Routine.
Schon lange hat Don Pedro innerlich auf Durchzug gestellt. Wie auch nicht - kassiert er doch für jeden der im Frachtraum eingepferchten Personen eine hohe Schmugglerprovision. Zudem ist er, einmal am Zielort angekommen, direkt jede Verantwortung für die in Europa ihr Glück Suchenden los. Das ändert sich aber, als sich eines Tages eine junge Frau (Clare-Hope Ashitey) weigert, sich mit ihrem Sohn in dem Versteck einsperren zu lassen. Sie lässt Don Pedro keine andere Wahl, als sie in der Fahrerkabine Platz nehmen zu lassen. Das Ziel der energischen Dame ist Genf, wo sie den Vater des Jungen zur Verantwortung stellen will. Zwangsläufig muss der Trucker nun seine gewohnten Frachtwege verlassen, um mit seiner extrem auffälligen Fracht ungehindert Europa zu erreichen. Dabei müssen die beiden mehr als nur einen Gegner austricksen und kommen sich dadurch immer näher. Eine wahre Odyssee nimmt für die Entwurzelten ihren Lauf, bei der sie am Ende resigniert feststellen müssen, dass es kein Land der gelobten Wünsche für sie geben wird...
Der international erfolgreiche Dokumentarfilmer Erwin Wagenhofer ("We Feed The World") überrascht mit einem beeindruckenden Spielfilmdebüt. Sein Roadmovie "Black Brown White", für das er neben der Regiearbeit auch noch mit Co-Autorin Cooky Ziesche das Drehbuch verfasste, ist bittersüße Romanze, engagiertes Flüchtlingsdrama und Wirtschaftskrimi in einem. Auch hier verzichtet Wagenhofer nicht auf seinen gewohnt hinterfragenden Ton, der sich eindringlich in die Absurditäten der globalen Wirtschaftspraktiken verbeißt und damit weiter Flagge für engagierte Filmkunst zeigt. Das wirklich Neue ist die fiktive Geschichte, die sehr viel Gefühl transportiert, absolut glaubwürdig inszeniert ist und zudem von den Darstellern Fritz Karl und Clare-Hope Ashitey derart mit Leben versehen wird, dass dieser Film direkt zweigleisig sowohl ins Herz als auch ins Hirn fährt. Dazu kann man eigentlich nur noch gratulieren.
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