09.02.2011, 11:52 Uhr
Die aufstrebende Ballerina Nina (Natalie Portman) soll in der Neuinszinierung von "Schwanensee" sowohl den unschuldigen weißen, als auch den dämonischen schwarzen Schwan verkörpern. Eine Rolle, die mehr als zerstörerisch ist. (Foto: 20th Century Fox)
Die junge und ehrgeizige Nina (Natalie Portman) ist ein sogenanntes klassisches "bunhead" - ein "Duttkopf" - wie eine Karikatur aus dem Bilderbuch. Noch bei Mutter Erica (Barbara Hershey) wohnend, die die hochfliegenden Träume ihrer Tochter nachhaltig und bestimmend forciert, zählt außer Tanzen nichts im Leben des jungen Mädchens. Ihre große Chance erhält sie, als der bisherige Star der Truppe, Beth (Winona Ryder), langsam zu alt für die Rolle der Primaballerina wird. Ensemblechef Thomas Leroy (Vincent Cassel) versucht, Nina in der Hauptrolle des weißen und schwarzen Schwans der weltberühmten Ballettkomposition "Schwanensee" auf Erfolgskurs zu dirigieren. Doch bald schon stößt Nina bei der künstlerischen Umsetzung dieser Traumrolle an ihre Grenzen...
Den weißen Schwan in perfekter Symmetrie zu ihrer Seele tänzerisch zu interpretieren, stellt für Nina keine Schwierigkeit dar. Das Positive und Gute des Charakters in seiner hellen, gradlinigen, zuweilen ängstlichen Art ähnelt ihrem eigenen Wesen so stark, dass dieser Part ihr wie ein maßgeschneidertes Kleid zu passen scheint. Doch wo sie im "Weiß" souverän punktet, bleibt ihr die dunkle Seite der Medaille zunächst unüberwindlich fern. Und während Ninas Künstlerseele noch mit diesem Widerspruch kämpft, taucht für ihre Karriere eine ernsthafte Konkurrentin auf: die hochtalentierte Lily (Mila Kunis) ist nicht nur tänzerisch begabt, sie scheint auch das Potenzial für den schwarzen Aspekt in sich zu tragen. Die Hassliebe unter den Rivalinnen treibt Nina an, sich den Herausforderungen zu stellen, die ihr bisher fast unerreichbar schienen. Doch sie zahlt einen erschreckend hohen Preis: während ihre künstlerische Ausdruckskraft in ungeahnte Höhen aufschwingt, verliert sie dafür unaufhaltsam den Bezug zur Realität und verfällt dem Grenzen verwischenden Wahnsinn, in den ihr Ehrgeiz sie getrieben hat.
Die Filmographie von Darren Aronofsky beweist, dass er in der düsteren Zwischenwelt seelischer Abgründe zu Hause ist. Sei es die Milieustudie "The Wrestler" mit Mickey Rourke, oder die düstere und gewalttätige Umsetzung der Junkieschicksale in "Requiem for a Dream" nach dem Buch des Kultschockerautors Hubert Selby: Der Regisseur beherrscht das perfide Spiel mit doppelbödiger Paranoia und dem Verwischen von Realität und krankhaftem Wahn. Mit seinem ersten Psychothriller "Black Swan", für dessen Umsetzung er mehr als zehn Jahre benötigte, entführt er in die scheinbar heile und kulturell hochbeflügelte Welt des Balletts und beraubt das unschuldige Weiß in den Augen der Zuschauer seiner Reinheit. Die Oscar®-nominierte Natalie Portman ("Hautnah") zeigt in dem Ballettfilm nicht nur tänzerisch eine Meisterleistung, sondern brilliert in ihrer Metamorphose der unschuldigen Ballerina zum debilen Grenzwesen, während Filmrivalin Mila Kunis die überirdischen Verlockungen des Bösen zeigt. Ein nervenzerrüttender Abstieg in die schattenhaften Gefilde der menschlichen Psyche auf ästhetisch hohem Niveau.
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