04.01.2012, 17:01 Uhr
Der notorische Einzelgänger Roberto (Ricardo Darin) aus Buenos Aires darf sich widerwillig um den Chinesen Jun (Ignacio Huang) kümmern, der kein Wort Spanisch spricht und völlig auf Robertos Hilfe angewiesen ist. (Foto: Ascot Elite)
Nach dem Ende des Falklandkriegs kehrt Roberto (Ricardo Darin) in seine Heimat Argentinien zurück. Körperlich unversehrt, aber mit einer Seele, die schwerer beschädigt ist, als er es sich selbst - geschweige anderen gegenüber - eingestehen mag. Außer zur Kundschaft des kleinen Eisenwarengeschäfts meidet der abweisende Griesgram jeden weiteren Kontakt zu seinen Mitmenschen. So fällt Roberto Jahr für Jahr tiefer in die Depression, wird es zusehends schwieriger, ihn aus der selbst verursachten Isolation zu befreien. Lediglich ein Steckenpferd ist Roberto geblieben: Er liebt es, kuriose Zeitungsmeldungen aufzustöbern und für seine umfangreiche Sammlung zu archivieren.
... liegt oft Veränderung in der Luft. Noch öfter allerdings ist man jedoch einer gut ausbaldowerten Lügengeschichte aufgesessen. Ganz selten, praktisch also so gut wie ausgeschlossen, heißt: "Da fliegt die Kuh!" genau das, was es sagt. Ob die Kühe allerdings bei ihren Flugtouren nicht am Ende die feinen Linien in der kosmischen Schwingung durcheinanderwirbeln, darüber kann Roberto auch nicht viel sagen - Fakt ist: Mit einer fliegenden Kuh hat es angefangen. Kurze Zeit später stürmt ein völlig aufgelöster Chinese in den kleinen Eisenhandel. Jun (Ignacio Huang) heißt der junge Mann, der scheinbar nur chinesisch spricht und versteht. Gerade erst gelandet, ist er direkt ausgeraubt worden. Hilfe braucht er, der Onkel muss gefunden werden. Unbeirrt von Robertos harscher Abwehrgeste, führt er seine Scharade vor dessen ungnädigem Blick weiter vor. Und trotz sprachlicher Hürden versteht der Argentinier zumindest, dass er sich diesmal nicht in sein gewohntes Knurren flüchten kann. Er nimmt also den Unglücksraben unter seine Fittiche, um ihm zu helfen, den Onkel aufzuspüren und merkt selber überrascht, wie gut ihm ihr Zweckbündnis tut.
Treffen sich ein ausgeraubter Chinese, eine fliegende Kuh und ein Argentinier mit einem Kriegstrauma... Geht nicht, als Geschichte undenkbar?! Wer dieser - zugegebenermaßen vernünftig klingenden - Ansicht zugeneigt ist, dem sei vor dem endgültigen Urteil Sebastián Borenzsteins Tragikomödie "Chinese zum Mitnehmen" empfohlen, um zu sehen, wie wunderbar diese drei Bausteine für die Geschichte zusammenwirken und harmonieren. Dazu kommt noch der Genuss, mit Ricardo Darim ("In ihren Augen") eine Besetzung für die Hauptfigur zu erleben, die vor großen Gefühlen keine Spielscheu zeigt, aber vor jedem Anflug sentimentaler Rührseligkeit schon weit vorher einen Haken schlägt. Ein tolles Märchen unserer Zeit.
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