11.01.2012, 11:04 Uhr
Elke (Jenny Schily) hat ihrem Sohn Mike nie die Wahrheit über seinen Vater erzählt. (Foto: Filmlichter)
Mike Hiller (Jacob Matschenz) hat es nicht eilig damit, sich dem Ernst des Lebens zu stellen. Gerade zwanzig geworden, genießt er das sorglose WG-Leben mit seinem besten Kumpel Dustin (Florian Renner). Oft machen die Freunde nichts anderes, als bekifft in den Tag zu träumen - irgendwann kommt schon die Zukunft, auch für sie, auch für die Rostocker Plattenbausiedlung. Wenn erst bessere Zeiten anbrechen, können sie ja immer noch aufstehen. Die Herzen voll, die Hände leer, ist derzeitig Status quo - mit verdammt schlechter Perspektive auf baldige Änderung. Für so wenig Zukunft schuften sich die Zwei nicht krumm, sondern ziehen lieber ihre kleinen Gaunereien durch, um ihren Lebensunterhalt nebst diversen Extratouren zu finanzieren.
Bei einem Einbruch in das Haus des Baulöwen Böhm (Bernhard Schütz) werden Mike und Dustin vom Hausherrn persönlich überrascht. Der lässt die auf frischer Tat ertappten Einbrecher laufen, anstatt sie der Polizei zu übergeben. Unter dem Vorwand, ein Freund von Mikes verstorbenem Vater zu sein, stellt Böhm Mike sogar in seiner Firma an. Binnen kurzem steht der Jugendliche, der seit seiner Kindheit unter dem Verlust der männlichen Bezugsperson gelitten hat, ganz im Bann von Böhm, der für ihn zunehmend zur Vaterfigur wird. Anfangs im Auftritt noch ein bisschen linkisch, erliegt Mike schnell der Faszination von Macht, lernt, sich in den halbseidenen Kreisen zu bewegen. Schon bald wird er die rechte Hand Böhms. In dieser Funktion lernt er, wie die Mechanismen von Wirtschaft und Politik greifen: Noch immer sind die alten Kader am Drücker, die alten Stasi-Seilschaften stabil, lediglich die Ziele sind neu. Mike wird misstrauisch. Die ablehnende Haltung seiner Mutter (Jenny Schily) gegen Böhm & Co wirft ebenfalls drängende Fragen auf - speziell, was dessen Verhältnis zu seinem Vater betraf. Eine Art Fragen, die seine neuen Freunde gar nicht schätzen...
Der renommierte Dokumentarfilmer Marc Bauder recherchierte für sein Spielfilmdebüt "Das System - Alles verstehen heißt alles verzeihen" faktisch so fundiert wie für eine seiner Enthüllungsreportagen. Basis des packenden Politthrillers sind die dubiosen Geschäfte und zwielichtigen Transaktionen rund um den Bau der russischen Erdgas-Pipeline in Westeuropa. Geschickt verknüpft Bauder mit dem wirtschaftspolitischen Skandal seine desillusionierende Analyse über die gescheiterte Staatsreform im ehemals sozialistischen Teil Deutschlands und den Selbstfindungsprozess eines jungen Mannes. Äußerst gelungen spiegelt er die Zerrissenheit der dritten Generation Ost, die - gefangen zwischen alten Stasi-Seilschaften und neuen realpolitischen Anforderungen - erneut in alten Strukturen von Selbsthass und Schuldgefühl erstarren. Als Teilnehmer an diversen wichtigen Filmfestivals überzeugte dieses Zeitdokument zur Wende durch Inhalt, Bildstärke und ausdrucksstarkes Spiel der Darsteller: Jacob Matschenz ("Die Welle") und Bernhard Schütz ("Die Kinder von Paris") im Pas de deux zwischen Nähe und Verrat.
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