04.11.2011, 14:43 Uhr
Regisseur Werner Herzog bekommt die einzigartige Gelegenheit, in der Chauvet-Höhle zu filmen. (Foto: Ascot Elite)
Als 1994 drei Hobbyforscher im Flusstal der Ardèche eine gigantische Höhle mit vier Nebenkammern entdeckten, stellte dies für Archäologen einen Meilenstein in der Erforschung des Neandertalerzeitalters dar: Auf mehr als 8.000 Quadratmetern entdeckte das Team um Jean-Marie Chauvet prähistorische Wandmalereien in einzigartiger Qualität und von beeindruckender Kunstfertigkeit. Die Höhlengemälde konnten auf ein Alter von 32.000 bis 35.000 Jahren datiert werden und sind somit fast doppelt so alt wie vorherige Funde. Dass sie so unberührt gut erhalten sind, verdanken sie einem Felssturz, der die Höhle 20.000 Jahre lang verschlossen hielt.
Doch nicht nur Gemälde, auch Skulpturen, salzverkrustete Versteinerungen eiszeitlicher Säugetiere sowie Knochenfunde legen Zeugnis ab, wie sich das Leben unserer fernen Vorfahren gestaltete. Riesige Flächen von bis zu 12 Metern Breite wurden von den frühzeitlichen Malern mit Holzkohle und Ocker zu beeindruckenden Szenarien gestaltet, in denen eine erstaunliche Vielfalt von eiszeitlichen Tierarten dargestellt wurde. Noch immer sind sich die Wissenschaftler uneins, welchem Zweck diese im Fels verborgenen Kammern dienen mochten. Feuerstellenfunde beweisen, dass dieser magisch anmutende Platz nicht als dauernder Aufenthaltsort der Frühzeitmenschen gedient hat. Vieles spricht für eine sakrale Nutzung der Räume, wie zum Beispiel eine Art Altar mit einem Bärenschädel auf der Platte beweist. Auch die Thematik der dargestellten Szenen spricht dafür, dass hier nicht die alltägliche Realität unserer Vorfahren gespiegelt wird. Die abgebildeten Tiere standen nicht auf dem Beuteplan der Jäger, sondern stellten in der Frühzeit eine große Bedrohung für die Menschheit dar. Dabei sind Topoi wie Fürsorge und Zärtlichkeit sowie auch sexuelle Motive erkennbar. Doch so wenig die Entdecker- und Forschungsteams an gesicherten Erkenntnissen vorweisen können, über eine Tatsache sind sich fast alle Sachverständigen einig: hierbei handelt es sich eindeutig um Kunstwerke - und um ein schützenswertes Zeitdokument.
So verständlich wie die Sehnsucht, diese einzigartigen Schätze einmal selber sehen und erfahren zu dürfen auch sein mag, so vernünftig ist aber auch der Beschluss, diese Höhlen zu ihrem Schutz und Erhalt vor der Öffentlichkeit zu versiegeln. Schon einmal musste die schmerzliche Erfahrung gemacht werden, dass zu großer Publikumsverkehr zu einer Veränderung des Höhlenklimas mit katastrophalen Ausmaßen für die Wandstruktur führte: In Lascaux zerstörte ein Befall mit Pilzen die natürliche Substanz und damit auch die Malereien auf dem Fels. In der Chauvet-Höhle haben daher nur autorisierte Forscherteams streng reglementierten Zugang über schmale Metallstege. Bislang gelang es noch keinem Filmemacher, für dieses magische Labyrinth eine Drehgenehmigung zu erwirken. Doch dank der Beharrlichkeit, des Erfindungsgabe und natürlich auch seines ausgezeichneten Leumunds konnte Werner Herzog die französischen Kulturbehörden doch schlussendlich überzeugen, sein innovatives und einzigartiges Filmprojekt realisieren zu dürfen. Dieser Einsatz hat sich für die Zuschauer mehr als gelohnt. Eine beeindruckende virtuelle Rundreise in 3D zu einem der letzten Geheimnisse unserer Erde.
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