01.02.2012, 11:09 Uhr
Nach seiner Entlassung aus der Psychiatrie ist der ukrainische Junge Viktor (Timur Massold) die einzige Bezugsperson für den ehemaligen Mathematiker Martin (Peter Schneider). (Foto: Wild Bunch)
Als der erfolgreiche Mathematiker Martin Blunt (Peter Schneider) einen Nervenzusammenbruch erleidet, beendet dies seine wohlgeordnete Existenz der vergangenen Jahre. Vom angesehenen Mathematiker wird er unversehens zum stationären Fall auf der psychiatrischen Station. Von da an scheint der tiefe Fall programmiert: Blunt verliert im Anschluss neben seinem sicheren Job auch seine Verlobte und die gemeinsame Wohnung. Mit einem Rezept über unzählige Pillen ausgestattet, verlässt er die Klinik und versucht, in seinem neuen Dasein Fuß zu fassen. Doch die Trost- und Ausweglosigkeit seiner Lage fangen schnell an, sein noch labiles Nervenkostüm erneut zu zerfasern. Halt bieten dem arbeitslosen Mathematiker lediglich die Zahlenrituale, die er erfindet, um den ihm feindlich erscheinenden Alltag in Schach zu halten. Als Blunt anfängt, Trost im Alkohol zu suchen, gleitet er immer weiter ab.
Einen dramatischen Abschluss findet Blunts selbstzerstörerisches Treiben bei einem Unfall, der ihn völlig außer sich geraten lässt. Er flüchtet sich in eine von Jugendlichen besetzte Ruine. Dort trifft er auf Viktor (Timur Massold). Er rettet den kleinen Jungen, der nur russisch spricht, vor den Handgreiflichkeiten der anderen und fortan bleiben sie zusammen. Gemeinsam ziehen sie sich immer weiter in den Wald zurück, ernähren sich von der Beute ihrer Streifzüge in die Umgebung. Schließlich errichtet Martin, dem es mittlerweile so gut geht, dass er seine Tabletten absetzt, eine Hütte für die beiden Ausgestoßenen im Wald. Doch diese neue Form des Glücks soll nicht von langer Dauer sein - schon bald holt sie die Außenwelt ein.
Hans Weingartner ("Die fetten Jahre sind vorbei") zeichnet in seinem Drama "Die Summe meiner einzelnen Teile" die trostlose Perspektive eines Mannes nach, der - einmal aus dem gesellschaftlichen Raster gefallen - keine Chance auf Reintegration hat. Das Psychogramm des Mathematikers, der von seiner anerkannten Position ins stigmatisierte Abseits rutscht, appelliert an die immer mehr verlustig gehende Toleranz unseres Wertesystems. Tragisch scheitert der Entwurf, sich eine Nische zu schaffen, am Kontrollanspruch eines engstirnigen Sicherheitsdenkens. Peter Schneider ("Der Baader Meinhof Komplex") agiert in vollendeter Zerrissenheit der gescheiterten Existenz, spielerisch unterstützt durch die berührende Gestik und Mimik des jungen Nachwuchsdarstellers Timur Massold. Eine bewegende Auseinandersetzung mit der zementierten Wahrnehmung unseres Alltags.
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