18.01.2012, 12:52 Uhr
Mephisto, der Wucherer (Anton Adasinsky), hat mit Dr. Faust (Johannes Zeiler) einen Pakt geschlossen, bei dem Faust ihm seine Seele verpfändet. (Foto: Filmagentinnen)
Der Naturwissenschaftler und Pathologe Dr. Faust (Johannes Zeiler) ist des Lebens und seiner Arbeit mit den dazugehörigen Studien überdrüssig. Trotz unermüdlicher Forschungstätigkeit ist es ihm nicht gelungen, zum eigentlichen Kern seiner Fragen vorzustoßen. Auch das Sezieren unzähliger Toter gab ihm bisher nicht einmal den Ansatz einer Ahnung, wie die menschliche Seele denn nun beschaffen sei. Immer nur stößt er auf die ewig gleichen, im Grunde abstoßenden Details, menschlicher Organe und ihrer Funktionsweise. Dafür hat er nun bisher alles geopfert, sich nicht einmal mit Muße der holden Weiblichkeit erfreut.
Als der melancholisch gesinnte Gelehrte einem Wucherer (Anton Adasinskiy) begegnet, entspinnt sich bald darauf zwischen den beiden so gegensätzlichen Charakteren ein philosophischer Disput. Dabei registriert Faust verwundert, wie stark der Pfandleiher trotz seiner abschreckenden Physiognomie auf Frauen wirkt. Darüber hinaus scheint es noch mysteriösere Kräfte zu geben, deren sich sein sonderlicher Gesprächspartner zu bedienen weiß. Allein, die Blicke aus den Augen der Schönen, lassen Faust einmal mehr bekümmert über sein eigenes, verpfuschtes Liebeswerben sinnieren. Die junge Margarete (Isolda Dychauk) begehrt er. Doch all sein Werben wird ihm bei ihr kein Gehör verschaffen, nachdem er bei einem Streit zwischen dem Wucherer und einem Soldaten letzteren versehentlich getötet hat. Bei dem Opfer handelt es sich nämlich um den Bruder seiner Angebeteten. In seiner verzweifelten Lage lässt der Doktor sich auf einen verhängnisvollen Pakt ein: Für eine einzige Liebesnacht mit Margarete verpfändet er dem Wucherer seine Seele...
Der Name und der Stoff zur Figur sind ein Klassiker der deutschen Dichtkunst. Unzählige Adaptionen zeugen von der Aktualität der Tragödie um den vom Leben enttäuschten Gelehrten, die Johann Wolfgang von Goethe zu Papier brachte. Die Interpretation des Klassikers durch Alexander Sokurow bewegt sich inhaltlich sehr frei im Geschehen des weltberühmten Originals, ohne dabei das Gerüst der Idee einer verführten Seele zum Einsturz zu bringen. "Faust" bildet den fulminanten Schlussakkord der Kino-Tetralogie des russischen Erfolgsregisseurs über die Mechanismen der Macht. In einem Rausch an Bildern schaffen die durchweg herausragenden Ensembleschauspieler ein atmosphärisch dichtes Sittengemälde mit jenem hypnotischen Sog, den nur die künstlerische Vollendung erzeugt. Ein Meisterwerk.
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