Charlotte Roche greift dem Bestatter Ferdinand Pfahl unter die Arme. (Foto: ZDF)Mit den Tabubrüchen in ihrem Erstlingsroman „Feuchtgebiete“ ist sie schamlos unter die Gürtellinie abgetaucht und hat damit einen Bestseller gelandet. Deshalb wird sie nun von vielen als sensationsgeile Grenzüberschreiterin beschimpft. Doch wer gestern Abend ab 23.15 Uhr mit einem skandalträchtigen TV-Auftritt in ihrer neuen 3Sat-Serie „Charlotte Roche unter“ gerechnet hatte, wurde eines Besseren belehrt. Erfrischend natürlich, spontan und unaufgeregt nahm die VIVA/ProSieben-Moderatorin den Alltag des Leichenbestatters Ferdinand Pfahl unter die Lupe – und schien dabei fast zu vergessen, dass die ganze Zeit eine Kamera dabei war.
Zu Beginn der Sendung war Charlotte Roche sehr locker und amüsierte sich über Urnen im Fußball-Design und wunderte sich über die Sarg-Polster aus Papierschnipseln, und auch das Griffe am Sarg festschrauben fand sie noch sehr spaßig. Aber als es dann in den Keller ging, um jemand für seinen letzten Weg zurechtzumachen, wurden Charlotte Roches Knie weich: „Ich hab Angst, in Ohnmacht zu fallen oder mich zu übergeben!“
Doch der erfahrene Bestatter Ferdinand Pfahl aus Rheinsbach bei Bonn nimmt ihr die Berührungsangst mit ihrer ersten Leiche: „Sie haben sich nur schlimme Gedanken gemacht. Den kriegen Sie net aufgeweckt.“ Dann wird nüchtern über Leichenflüssigkeit, Totenflecken und Gerüche geredet und man erfährt, dass Tote Geräusche machen, wenn ihr Oberkörper angehoben wird. Charlotte hilft mit, den Toten anzukleiden - „der macht ja gar nicht mit“ – und faltet ihm schließlich die Hände.
Im Verlauf der Sendung bekommt den Eindruck, dass der Bestatter Ferdinand Pfahl ein echter Fan von Charlotte ist. Seine Sympathie geht sogar so weit, dass er ihr von einem Selbstmordversuch erzählt, von einem sehr persönlichen Konflikt, den er mit seiner Rolle als treusorgender Ehemann und Familienvater hatte, der sich in eine andere Frau verliebt. Anders als es Moderatoren gewöhnlich tun, bohrt Charlotte Roche da aber nicht weiter nach, will nicht die Emotionen hochkochen lassen oder den Leichenbestatter noch zum Weinen bringen. Die Interaktion zwischen den beiden kommt eher wie ein privates Gespräch rüber, dass zufällig mitgefilmt wurde.
Frohe Botschaft für alle Früh-Ins-Bett-Geher
Diese gefühlvolle Zurückhaltung in Charlotte Roches neuer TV-Reihe hebt sich sehr angenehm von einer großen Masse von Reality-TV-Sendungen ab, in der es nur darum geht, alle Informationen unangemessen aufgeregt und emotional aufgebauscht zu präsentieren. Schade nur, dass die Sendung zu so später Stunde läuft. Für Früh-Ins-Bett-Geher ist es deshalb gut zu wissen: Alle Folgen der fünfteiligen Berufsreport-Reihe sind bereits jetzt in der Mediathek von 3Sat online und können jederzeit abgerufen werden.