04.01.2012, 17:00 Uhr
Immer wieder muss Nasser-Ali Khan (Mathieu Amalric) an seine große, unerfüllte Liebe Irâne (Golshifteh Farahani) denken. (Foto: Prokino)
In den 50er Jahren in Teheran ist der Musiker Nasser-Ali Khan (Mathieu Amalric) mit seinem virtuosen Geigenspiel einer der ganz Großen. Seine Interpretationen der Weltklassiker zeugen von einem unglaublichen Tiefgang. Kein Wunder, denn die Geige, die er so melodiös schluchzen lässt, ist das kostbare Trostpflaster seines Lehrmeisters (Didier Flamand), der ihm seinerzeit das wertvolle Instrument übergab, als er vor Liebeskummer regelrecht krank war. Die schöne Irâne (Golshifteh Farahani) brach ihm das Herz. Seitdem sind die Erinnerungen an sie untrennbar mit eben dieser Geige verknüpft und bringen eine Musik voller Sehnsucht hervor.
Nun, viele Jahrzehnte später, zerbricht das kostbare Gerät bei einem unseligen Streit mit Ali Khans Ehefrau (Maria de Medeiros). Der sensible Künstler fühlt sich gleichermaßen wie das zerbrochene Instrument: unwiderruflich vernichtet. Ihm wird klar, dass er nie wieder so spielen kann wie in all den letzten Jahren. Auch die von einem Bekannten (Jamel Debbouze) seines Bruders Abdi (Eric Caravaca) gekaufte Stradivari, die angeblich schon in Mozarts begnadeten Händen lag, kann den Zauber nicht wiederherstellen. Völlig gebrochen legt sich der Musiker auf sein Bett nieder. Bei der Betrachtung seines verpfuschten Lebens will der Musiker nur noch eines: sterben! Doch so wenig, wie er seine Inspiration beflügeln kann, so wenig Verlass ist wohl auch auf die dunklen Schwingen des Todesengels...
Schon der erste Teil der als Trilogie geplanten Familiengeschichte von Marjane Satrapi, der Animationsfilm "Persepolis" für Erwachsene, geriet zu einem überraschenden Abräumer bei den 60. Internationalen Filmfestspielen von Cannes. Mit "Huhn mit Pflaumen", einer Umsetzung von Satrapis gleichnamiger Graphic Novel, kommt nun eine weitere Episode der mit Anekdoten reich gesegneten Teheraner Familie in die Kinos. Auch dieses Mal trug die kreative Zusammenarbeit mit Vincent Paronnaud mit dazu bei, den Erfahrungen eines Musikers, den seine unerfüllte Liebe in den 50er zu einem wahren Virtuosen auf der Geige machte, einen angemessenen künstlerischen Rahmen zu verleihen. Geheimnisvoll - und dabei verspielt wie ein orientalisches Märchen - lassen die beiden Filmemacher einen Erzählschatz voller Poesie sprudeln, der sich jedoch nicht nur aus der Mythenwelt speist. Immer wieder wird die Brücke zum aktuellen Tagesgeschehen geschlagen, was auch diesem Film seine Lebendigkeit verleiht. Eine Leistung, die das Publikum auf den 68. Internationalen Filmfestspielen von Venedig mit stehenden Ovationen und minutenlang andauerndem Applaus belohnte.
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