03.08.2011, 14:32 Uhr
Meist ist eine Zeit-Ehe der einzige Ausweg aus der wirtschaftlichen Misere einer geschiedenen, alleinerziehenden Mutter im Iran. (Foto: W-Film)
Ein Blick auf die sozialen Strömungen und Tendenzen in der Islamischen Republik Iran zeigt, dass die jahrzehntelangen Repressalien durch das theokratisch geprägte System von der jüngeren Generation nicht mehr kritiklos hingenommen werden. Doch Fakt ist, dass nach wie vor der Oberste Rechtsgelehrte entscheidet, was im Land Recht und Ordnung bedeutet: Ihm untersteht nicht nur der Rechtsapparat, sondern er hat auch den Oberbefehl über die Streitkräfte. Seit den 1989 in Kraft getretenen Verfassungsänderungen war es den religiösen Führern nahezu ungehindert möglich, politisch zu agieren. Ein nicht zu unterschätzender Machtfaktor liegt im islamischen Gesetz, der Scharia, umgesetzt zum Strafgesetz der Islamischen Republik Iran. Und genau hier sind einige Sittenvorschriften enthalten, deren Einhaltung für viele schon zur Seelenqual wurde. Gleich mehrere Artikel des Regelwerkes sind dem unerlaubten Geschlechtsverkehr und den drakonischen Strafen gewidmet. Und generell gilt jeder außereheliche Akt als Verbrechen, wobei die Strafe von körperlicher Züchtigung über Steinigung bis hin zur Todesstrafe reicht.
Wie aber seit alters her bekannt, locken gerade die verbotenen Genüsse des Fleisches. Auch im Iran ist keiner so weltfremd, den erwachenden Hormonen der Jugend - und hier insbesondere der männlichen - eine allzu große Widerstandskraft abzuverlangen. Daher bietet die schiitische Interpretation der Schriften einen Ausweg aus diesem scheinbar unlösbaren Dilemma: die Zeit-Ehe, auch als Genuss-Ehe bekannt. Sie erfüllt die rechtlichen Bedingungen einer offiziellen Heirat, ist jedoch auf eine im Vertrag vereinbarte Dauer beschränkt. So kann der nicht bindungswillige Junggeselle seinem Geschlechtstrieb nachkommen, eine geschiedene Ehefrau ihren Lebensunterhalt für gewisse Zeit sichern, oder junge Paare nutzen die Möglichkeit, erotische Erfahrungen zu sammeln, ohne sich lebenslang verpflichten zu müssen. Doch was für die einen eine kleine sexuelle Revolution bedeutet, wird von Kritikern als Hintertür zur Prostitution abgelehnt. Genauso vielfältig wie die Rahmenbedingungen zu dieser skurril anmutenden Form des Zusammenlebens sind die positiven und negativen Erfahrungen der Paare auf Zeit. Viele Fragen tun sich auf, die angesichts einer Fülle von Interpretationen durch die örtlichen Rechtssprecher keine allgemeingültige Antwort geben. Die Zeit-Ehe bleibt damit ein legales Schlupfloch, das nicht immer nur Genuss verspricht.
Die in Deutschland geborene Filmemacherin Sudabeh Mortezai ("Children of the Prophet") wuchs in Teheran und Wien auf. Der kulturelle Zwiespalt ihrer beiden gegensätzlichen Heimaten findet in ihrem kreativen Schaffen Ausdruck. In dem von ihr mitbegründeten Unternehmen "Freibeuterfilm" werden innovative und persönliche Projekte realisiert, die von der kreativen Dokumentation bis zum Spielfilm reichen. Mit ihrer Reportage über die Zeit-Ehen im Iran beleuchtet die Regisseurin gesellschaftliche Hintergründe und persönliche Schicksale. Zusätzlich wirft ihr kritisches Werk "Im Bazar der Geschlechter" Erwägungen praktischer Natur auf. Vier betroffene Personen geben Einblick und Kommentare zu ihrer Lebenssituation, schildern ihre Erfahrungen und Gefühle in diesem für westliches Verständnis bizarr anmutenden Beziehungsmodell. Aufgrund der menschlichen Wärme und dem Sinn für Humor, mit denen Mortezai ihren Landsleuten begegnet, stellt sie ihre Protagonisten niemals bloß. Der Tenor klingt klar und aufrichtig: auch was uns fremd und unvorstellbar erscheint, hat eine Würde.
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