27.04.2011, 11:05 Uhr
Anwältin Elizabeth (Naomi Watts) lässt sich auf eine Affäre mit ihrem Chef Paul (Samuel L. Jackson) ein. (Foto: Universum)
Karen (Annette Bening) denkt oft voller Trauer an ihr Kind, das sie niemals kennenlernen durfte. Als die spröde wirkende Physiotherapeutin mit gerade einmal 14 Jahren ungeplant schwanger wurde, drängte ihre Mutter darauf, das Baby zur Adoption freizugeben. Aber was damals wie die vernünftigste Entscheidung für Karens Zukunft aussah, hat bis zum heutigen Tag schmerzhafte Narben auf ihre Seele gebrannt, so blieb sie unverheiratet und kinderlos. Ihre Freizeit widmet sie der Pflege ihrer gebrechlichen Mutter, mit der sie in den letzten Jahren zusammenlebte. Nach ihrem Tod stellt Karen fest, dass ihre Mutter ihrer Haushaltshilfe mehr vertraut hat als der eigenen Tochter. Eine weitere verletzende Erfahrung...
Ganz anders sieht das Seelenleben der 37-jährigen Elizabeth (Naomi Watts) aus. Familienbande sind für die erfolgsorientierte Anwältin lediglich seelischer Ballast, den sie nicht in ihrem Leben gebrauchen kann. Um sich vor einer ungewollten Schwangerschaft zu schützen, ließ sie schon mit 17 Jahren einen illegalen Eingriff vornehmen. Des Weiteren demonstriert sie ihre Unabhängigkeit, indem sie menschliche Nähe nur bedingt zulässt. So gibt sich die junge Frau, die als Baby adoptiert wurde, distanziert in Bezug auf ihre leiblichen Eltern. Diese wollten ihre Tochter damals nicht, jetzt braucht Elizabeth sie auch nicht mehr. Doch dann wird die Karrierefrau trotz Sterilisation schwanger. Völlig überraschend entschließt sie sich, ihr Kind zur Welt zu bringen. Während der Geburt treten schwere Komplikationen auf - Elizabeth stirbt. Ihre gesunde Tochter gelangt in die liebevolle Obhut der kinderlosen Lucy (Kerry Washington). Sie und ihr Mann Joseph bemühen sich schon länger um die Adoption eines Kindes bei einer katholischen Behörde. Als eine junge Studentin im letzten Moment von den Plänen, ihren Säugling zur Adoption freizugeben, Abstand nimmt, legt ihnen Schwester Joanne (Cherry Jones), eine Mitarbeiterin der kirchlichen Vermittlungsagentur, das von Geburt an mutterlose Mädchen ans Herz. Was keiner ahnt, enthüllt sich ein Jahr später: die Lebensfäden der drei Frauen laufen in eben dieser katholischen Institution unwiderruflich zusammen...
Rodrigo Garcia tritt ein gewichtiges Erbe an: er ist der Sohn eines der bedeutendsten Schriftstellers der Neuzeit. Gabriel Garcia Marquez erlangte mit seinen bittersüßen Familienchroniken und absurden Liebesgeschichten voller Poesie die begeisterte Anerkennung eines Millionenpublikums. Sein Sohn versucht indes, sein kreatives Potenzial im Filmgenre zu entfalten. Für sein Drama "Mütter und Töchter" begnügte er sich nicht nur mit dem Regiestuhl, sondern schrieb auch das Drehbuch eigenhändig. Ganz wie das große Vorbild bedient sich auch Rodrigo Garcia der Erzähltechnik, mehrere Handlungsstränge zu einem neuen Bild zu verweben. Leider läst er die feinsinnige Ironie des Vaters in seinem aktuellen Film vermissen, die nicht nur der Aussage Anschaulichkeit gibt, sondern den Charakteren erst wirkliche Tiefe verleiht. Dennoch gelingt - nicht zuletzt durch die Qualität der beteiligten Darsteller - die aufschlussreiche Analyse einer der komplexesten zwischenmenschlichen Beziehungen. Samuel L. Jackson ("Jackie Brown"), Naomi Watts ("21 Gramm"), Annette Bening ("American Beauty") und Kerry Washington ("Ray") hauchen der zeitweise leicht sperrigen Inszenierung das nötige Leben ein. Sehenswert - trotz latenter Bremswirkung durch fehlende Leichtigkeit.
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