16.06.2011, 13:37 Uhr
DIY Do It Yourself: Soll lautet das Credo einer Subkultur, die fernab von Kommerz, Kapital und Konsum existiert - und Punk ist ihr Lebensgefühl. (Foto: Neue Visionen)
Was als individuelle Absplitterung vom Garage Rock zaghaft in den 60er Jahren begann, dann in England Kultstatus erreichte, entwickelte sich in den 80er Jahren zu einer vielfältigen Jugendbewegung weltweit. Schnell waren die schrillbunten Gestalten zum neuen Bürgerschreck avanciert, rückten sogar in den Fokus innenpolitischer Sicherheitsfragen - so vehement erstritt sich die anarchistische Truppe beispielsweise auf den Hannoveraner Chaostagen ihr Recht auf gleichberechtigte Anwesenheit im öffentlichen Raum. Immer öfter kam es zu Ausschreitungen mit massiver Polizeipräsenz, bei denen nicht gerade zimperlich zugelangt wurde. Nach mehreren Jahren verebbten die großen Treffen der Szene, und ihre Präsenz schwand sowohl großflächig aus dem Stadtbild als auch weitläufig aus dem öffentlichen Bewusstsein. Punk schien tot zu sein.
Doch es gibt sie noch, jene aufmüpfige Gruppe, die das Nein-Sagen zum Kult erhoben hat. Ob in der Hausbesetzerszene in Barcelona, als überzeugte Antifaschisten in Moskau oder auch in der deutschen Hauptstadt, wo das queere Leben in Bauwagen die Hochburg der Toleranz feiert. Das oft schon misslich interpretierte Zitat "No Future" aus einem der größten Hits der Sex Pistols ist zu einem im Ausdruck positiveren "DIY - Do It Yourself" geworden. Dies zollt dem Umstand Tribut, dass es den Kids und Altpunks keinesfalls um eine stumpfe und träge Ablehnung der Gesellschaft an sich geht, als vielmehr um eine Erneuerung der Lebensbedingungen. Mit viel Verve setzen sich die äußerst virulenten Individualisten gegen unethische Gesinnung, Verlogenheit und staatliche Kontrolle zwecks Einschränkung menschlicher Grundrechte ein. Politische Kunst und das selbstbestimmte Recht, Widerstand artikulieren zu dürfen, sind die Lokomotiven ihrer Motivation. Ihre Events sind rein unkommerziell und in Eigenregie auf die Beine gestellt. Keine Frage: diese jungen Leute wissen nicht nur, was sie NICHT wollen, sie haben sogar eine ganz konkrete, "straighte" Vorstellung von und über eine bessere Welt.
Vor mehr als zwanzig Jahren hat eine Jugendbewegung die Menschen heftig polarisiert. Der Punk und seine Anhänger wurden entweder als progressive, dringend nötige Gegenbewegung zu Kommerz, Kapital und Konsum frenetisch gefeiert, oder als destruktive, asoziale Krawallmacherszene von seinen Gegnern in Bausch und Bogen verdammt. In aller Stille hat sich die Subkultur, die viele schon tot erklärten, zu einer politisch aktiven Künstlergruppe gemausert. Julia Ostertag und Francesca Araiza Andrade besuchten für ihre Musikdoku die europäischen Keimzellen politischer Kunst. Als neue junge Wilde haben die Musiker von CRASS, Antimaster, Disfear und weiteren europäischen Punkformationen das Wort. Neben den Vokalakrobaten werden weitere Produkte aus den Aktionskunstprojekten wie Fanzines, Bücher und Kleidung, sowie deren Vertrieb für gemeinnützige Projekte vorgestellt. Ein facettenreicher Blick auf den "Underground", der nicht nur Farbe, sondern auch Struktur zeigt.
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