23.02.2012, 11:22 Uhr
Petja ist einer von acht Söhnen des russischen Naturwissenschaftlers und politischen Aktivisten Sergej Tschachotin. (Foto: Liquid Blues Production)
Schon als Kind konnte Boris Hars-Tschachotin nie genug von den Geschichten bekommen, die sein Großvater Wenja über seinen Vater Sergej, einen hochtalentierten Wissenschaftler und wagemutigen Politaktivisten, zu erzählen weiß. Der Lebenslauf klingt schier unglaublich: Gerade erst 19-jährig, entgeht der Student nur knapp der Verbannung nach Sibirien, indem er sich auf Sizilien ins Exil begibt. Dort werden er und seine Familie 1908 bei der schwersten Erdbebenkatastrophe des 20. Jahrhunderts in Europa verschüttet. Erst Stunden später gelingt es ihnen, sich aus den Trümmern zu befreien. Nach Abschluss seines Studiums in Medizin und Biologie geht es für Sergej beruflich steil nach oben: Er erfindet das Strahlenskalpell, wird Mitarbeiter des Nobelpreisträgers Iwan Pawlow und enger Freund Albert Einsteins. Doch über Europa braut sich Unheil zusammen...
Schon früh erweist sich Sergej Stepanowitsch Tschachotin als couragierter Kampagnenführer in groß angelegten Propagandaaktionen gegen die Nazis. Er erfindet den "Dreipfeil gegen Hakenkreuz", der zum wichtigsten Symbol der NS-Gegner wird. 1941 gerät er in ein französisches KZ und gelangt nach Kriegsende wieder nach Russland, wo er unter Stalin weiterforscht. Ähnlich turbulent ist auch sein Privatleben: Die Verwicklungen von 5 gescheiterten Ehen und 8 daraus entstammenden Söhnen sorgten dafür, dass Sergejs sterbliche Überreste 30 Jahre nach seinem Tod noch immer nicht zur letzten Ruhe bestattet wurden. Als der Urenkel das erfährt, macht er es sich zur Aufgabe, dem großen Ahn und Vorbild die letzte Ehre zu erweisen. Dass er dafür allerdings 7 Jahre benötigt, eine Irrfahrt durch Europa auf sich nehmen sowie diverse erregte Debatten führen und schlichten muss, nur um eine Urne auf Korsika beisetzen zu können, hätte Boris Hars-Tschachotin sich in seinen schlimmsten Träumen nicht vorstellen können.
Der Berliner Filmemacher Boris Hars-Tschachotin erzählt in "Sergej in der Urne" nicht nur die schier unglaubliche Lebensgeschichte seines Urgroßvaters, sondern auch von seinem 7-jährigen Ringen, dem berühmten Mann endlich eine würdige Beisetzung zu verschaffen. Denn die strahlende Persönlichkeit hat bei den noch lebenden Angehörigen für viele unbereinigte Konflikte gesorgt. Es ist schon drollig, manchmal grotesk, dass die Söhne Wenja, Eugen, Andrej und Petja, die mittlerweile zwischen 70 und 90 Lenze zählen, sich immer noch wie junge Hunde darum balgen, wer hierbei das endgültige Sagen hat. Jeder kämpft verbissen um den größten Anteil an Mitspracherecht, als wollten sie sogar posthum die meiste Aufmerksamkeit des Vaters für sich sichern. Der Zuschauer erhält bei der mit denkwürdigen Anekdoten und ganz und gar nicht alltäglichen Fakten angefüllten Vita Einblick, wie anstrengend die Familienverhältnisse im Schatten großer Persönlichkeiten werden können. Pointiert, überaus unterhaltsam und dazu sehr lebensklug!
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