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"Sex, Drugs & Castingshows": Interview mit Martin Kesici und Markus Grimm

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Interview mit Martin Kesici und Markus Grimm

24.09.2009, 15:22 Uhr | LS

Martin Kesici (Foto: imago) Martin Kesici (Foto: imago)In Anspielung auf den Spruch "Sex, Drugs & Rock'n'Roll" heißt Ihr Buch "Sex, Drugs & Castingshows". Wie sieht es denn in Castingshows mit Sex und Drogen aus?

Martin Kesici: Ich hab angefangen Alkohol zu trinken – das war meine Droge.

Markus Grimm: Was den Sex betrifft, da gibt es auf den Aftershowpartys genug eindeutige Angebote. Was die Drogen angeht: Man muss immer fit sein. Von daher hatte ich in meiner privaten Apotheke immer Aspirin und andere Schmerzmittel.

Martin Kesici: Wenn du ein Video drehst oder eine Platte aufnimmst und krank wirst, rät dir die Plattenfirma, sich eine Kortisonspritze geben zu lassen. Das ist doch eine Frechheit!

Was genau bezwecken Sie mit dem Buch? Ist es eine Warnung, eine Abrechnung?

Martin Kesici: Beides. Die Show suggeriert ja, dass du reich und berühmt wirst. Aber das ist nicht so. Die Anzahl der Castingshows in Deutschland ist viel zu hoch. Das gibt den Künstlern nicht die Möglichkeit sich zu entwickeln. Aber am Aufbau von Künstlern, wie in anderen Ländern, besteht ja eh kein Interesse hierzulande.

Nu Pagadi mit Markus Grimm (2.v.l.) (Foto: dpa) Nu Pagadi mit Markus Grimm (2.v.l.) (Foto: dpa)Was ist Ihr größter Vorwurf gegen die Casting-Maschinerie?

Markus Grimm: Die Macher der Shows müssten mehr Verantwortungsbewusstsein gegenüber ihren Kandidaten zeigen. Kaum hat einer gewonnen, muss er schon zur Suche seines Nachfolgers aufrufen. Die Leute werden einfach nur verheizt.

Sie klingen stellenweise recht verbittert. Bereuen Sie, was Sie damals getan haben?

Martin Kesici: Bereuen nicht. Ich würde es aber nicht noch mal machen. Als Künstler kann man sich da nicht frei entfalten. Und die Zuschauer haben uns falsch wahrgenommen. Aus mir wollte die Plattenfirma einen Schmusesänger machen. Das war aber nicht mein Ding. Und nach dieser Zeit musste ich hart kämpfen um allen zu zeigen, dass ich kein Castingprodukt bin, sondern schon seit 20 Jahren Musik mache.

Markus Grimm: Mein Ziel war es, mit meiner eigenen Musik und meinen eigenen Songtexten für andere Geld zu verdienen. Wir durften während der Show sogar an der Single „Sweetest Poison“ mitarbeiten. Das sollte suggerieren, die können das selbst, wenn man sie lässt. Nach der Staffel war es mit der Selbstbestimmung aber vorbei, da mussten wir nur noch ins Studio gehen und fertige Songs einsingen. Denn nur der Urheber verdient mit seinen Liedern Geld. Das ist bei Castingstars aber nie der Fall.

Warum haben Sie als Rocker da überhaupt mitgemacht?

Markus Grimm: Als wir das gemacht haben, gab es noch die Aussage: Wir suchen Musiker. Nu Pagadi war ja keine Boygroup. Daher war es okay, sich dort zu präsentieren.

Martin Kesici: Ich war arbeitslos und neugierig und bin naiv und vorbehaltlos an die Sache rangegangen. Weil auch "Star Search" echte Musiker gesucht hat. Bei DSDS hätte ich dagegen nie mitgemacht.

Was macht DSDS für Sie zur schlimmsten Castingshow?

Markus Grimm: DSDS setzt auf diesen Soap- und Schicksals-Stil. Es geht nur um Quote und Idioten, die sich zum Affen machen.

Martin Kesici: Bei "Star Search" konnte sich der Zuschauer einen unverfälschten Eindruck von uns verschaffen, ohne vorher medial beeinflusst worden zu sein.

Sie schreiben, wie sehr Sie vieles in dieser Zeit nervte. Kam es nie in Frage mittendrin auszusteigen?

Martin Kesici: Doch, definitiv. In den ersten Wochen nach dem Sieg und dem Album kamen die Gedanken, ob das alles so richtig ist. Ich fühlte mich falsch wahrgenommen und das tat in der Seele weh. Aber einfach aussteigen ging zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Man hatte einen Vertrag unterschrieben, eine Vorauszahlung bekommen…

Markus Grimm: Du hast kaum die Zeit darüber nachzudenken. Speziell bei "Popstars", wo alles vorproduziert ist. Wenn du im Finale stehst und die Emotionen auf dich herein prasseln, sehen dich die Zuschauer noch im Workshop. Dir fehlt der Bezug zur Echtzeit.

Hat man Sie überhaupt darauf vorbereitet, was Sie im Musikgeschäft erwartet?

Martin Kesici: Nein. Man wird ins kalte Wasser geworfen. Aber du hast ständig Leute neben dir, die dich lenken. Man ist wie ein Roboter. Man funktioniert nur noch.

Gab es von Seiten der TV-Sender, bei denen Ihre Castingshows liefen, Einwände gegen das Buch?

Martin Kesici: Nein, die Sender sind ja auch fast unschuldig. Es sind vielmehr die Produktionsfirmen wie Tresor oder Grundy, die alles lenken. Kürzlich traf ich jedoch Leute meiner früheren Plattenfirma Universal, die gleich ihre Befürchtung äußerten, im Buch schlecht weggekommen zu sein.

Warum haben Castingstars in Deutschland kaum eine Chance, langfristig erfolgreich zu sein?

Markus Grimm: In Deutschland geht es nicht um das Produkt, sondern nur um die Sendung. Alles andere ist anscheinend zu kostenaufwändig. Außerdem importiert der deutsche Musikmarkt lieber, anstatt selber etwas zu entwickeln. Die Künstler sind zweitrangig. In anderen Ländern sind die Abstände zwischen zwei Castingshows zum Beispiel viel größer. Dadurch können sich die Künstler besser entwickeln.

Was macht zum Beispiel bei Mark Medlock oder den No Angels den Unterschied?

Markus Grimm: Die No Angels hatten den Vorteil, die ersten gewesen zu sein. Und Mark Medlock hat das Glück, der neue Thomas Anders zu sein und in Dieter Bohlens musikalisches Beuteschema zu passen. Aber das sind Ausnahmen. Warum in Künstler investieren, wenn die Verträge für die nächste Staffel schon unterschrieben sind.

Martin Kesici: Wie sehr gespart wird, sieht man ja auch an den Videos von Mark Medlock. Die sind wahrscheinlich alle aus dem Material von einem Drehtag zusammengeschnitten. Außerdem stehen die Einnahmen aus Single- und Albumverkäufen in keinem Verhältnis zu dem, was die Sender während der Show an Werbung verdienen.

Markus Grimm: Nicht zu vergessen die Einnahmen durch das Telefonvoting…

Warum haben solche Shows, allen voran "DSDS", seit Jahren so einen großen Zulauf, wenn man inzwischen doch wissen müsste, wie das da läuft?

Markus Grimm: Die schreien alle nach ihren 15 Minuten Ruhm. Und sie denken, bei ihnen wird das ganz anders laufen. "DSDS" suggeriert einen Traum, auf den die Teenies abfahren. Warum, kann ich nicht nachvollziehen.

Welchen Rat gebt ihr jungen Menschen mit auf den Weg, die unbedingt an einer Castingshow teilnehmen möchten?

Martin Kesici: Geh nicht hin, wenn du von Herzen Musiker bist und selbst Songs schreibst und geh nicht hin, wenn du reich und berühmt werden willst. Denn das ist nicht so.

Markus Grimm: Jeder der es will, soll hingehen, um seine eigenen Erfahrungen zu machen. Aber habt nicht die Erwartung, ein Superstar zu werden.

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LS  

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