29.01.2009, 16:18 Uhr | Stefan-Kai Obst
ZDF-History-Experte Guido Knopp (Foto: Imago)Herr Knopp, im November 2009 jährt sich der Fall der Mauer zum 20. Mal. Welches Resümee zur inneren Einheit Deutschlands ziehen Sie persönlich?
Guido Knopp: Als wir am 3. Oktober 1990 vor dem Reichstag für das ZDF Dutzende von Menschen zu ihren Erwartungen an die Wende befragten, nahmen wir an, dass die innere Einheit zwei Jahrzehnte später erreicht sein wird. Leider sind wir noch nicht soweit, wie wir es damals erhofft hatten. Allerdings sind wir auf einem guten Weg - und auch schon über die Mitte des Weges hinaus.
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Anlässlich des Mauerfall-Jubiläums in diesem Jahr zeigt das ZDF ab Donnerstag den Dreiteiler „Die Wölfe“. Anhand einer Gruppe Trümmerkinder liefert der Film eine Zeitreise durch die wichtigsten Stationen der deutschen Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. Was daran ist real und was fiktiv?
Guido Knopp: Die Geschichte der Wölfe, die von der Luftbrücke 1948 über den Mauerbau 1961 bis zum Mauerfall 1989 reicht, ist zunächst einmal fiktional. Jedoch sind in den geschichtlichen Hintergrund viele historisch verbürgte Schicksale mit eingeflossen. Deshalb ist der Film - auch was die eingearbeiteten historischen Filmaufnahmen betrifft - eine gelungene Fusion von fiktionalem und realem Geschehen. Ein Doku-Drama neuer Art.
Im Verlauf des Films treffen sich die Wölfe kurz vor dem Mauerbau und nach der Wende wieder und merken, wie unterschiedlich sie sich entwickelt haben. Während die einen in West-Berlin Karriere machen, entpuppen sich andere als Anhänger des DDR-Regimes oder gar als Stasi-Spitzel. Welche Botschaft soll uns das vermitteln - die innere Spaltung Deutschlands?
Guido Knopp: Das Schicksal der Wölfe im geteilten Deutschland steht auch für das Schicksal vieler Menschen, und zwar vor allem in Berlin. Wie bei den Wölfen hat sich die Gedankenwelt derer, die in West-Berlin lebten, und derer, die in Ost-Berlin geblieben sind und teils überzeugte DDR-Anhänger wurden, vielfach auseinander entwickelt. Aber die 28 Jahre, die die Teilung dauerte, waren eben doch nicht lang genug, um die Menschen daran zu hindern, wieder zusammenzufinden. Und das ist auch die symbolische Botschaft des Films: Am Ende kommen sie trotz alledem wieder zusammen.
Bei Umfragen haben sich bis zu 20 Prozent der Deutschen in Ost und West die Mauer zurückgewünscht. Fehlt da das Bewusstsein, was das Unrechts-Regime der DDR ausgemacht hat und welche Errungenschaften die Wiedervereinigung gebracht hat? Oder sind die Deutschen einfach nur Schlechtredner?
Guido Knopp: Da mag bei einigen natürlich ein gewisser Hang zu Depression und Frustration eine Rolle spielen. Natürlich trauern gerade Ältere gewissen Elementen sozialer Sicherheit nach. Bei den Jüngeren, die ein freies Deutschland in den neuen Bundesländern kennengelernt haben, ist das ganz anders. Wir müssen einfach Geduld haben! Der Faktor Zeit wird das Seinige tun. Denn klar ist, dass es Einheit, Freiheit und Frieden in der deutschen Geschichte vor dem Mauerfall noch nie zur gleichen Zeit gegeben hat. Das ist ein Glück und eine Gnade der Geschichte.
Ausgerechnet 2009, im Jubiläumsjahr des Mauerfalls, plant RTL die Ausstrahlung des Films „Die Grenze“ von Produzent Nico Hofmann. Im Zuge einer Wirtschaftskrise entbrennt darin in Deutschland ein Bürgerkrieg, woraufhin als Folge die Mauer wieder errichtet und Deutschland aufs Neue geteilt wird. Auch wenn Hofmann mit dem Film vor allem provozieren will: Was halten Sie von einem solchen Szenario?
Guido Knopp: Das ist eher unrealistisch, sozusagen eine filmische Spielwiese. Wir vom ZDF haben 1998 ja selber das fiktionale Doku-Drama „Der dritte Weltkrieg“ produziert, in dem wir uns fragten, was geworden wäre, wenn aus dem Kalten Krieg ein heißer geworden wäre. So etwas kann man machen. Aber das hat keinen realen Bezug.
Sie selbst sind 1948 geboren. Welche Erfahrungen mit der deutsch-deutschen Teilung und der Wiedervereinigung haben Sie persönlich geprägt?
Guido Knopp: Am Wochenende des Mauerfalls war ich selbst in Berlin. Das zählt zu den bewegendsten Momenten meines Lebens. Unter anderem stand ich zusammen mit vielen Leuten in der Nähe des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, der auf die Öffnung eines Grenzüberganges wartete, der durch die Mauer gebrochen werden sollte. Nach dem Durchbrechen der Mauer kam von der anderen Seite ein Offizier der DDR-Grenztruppen auf Weizsäcker zu, salutierte und sagte: „Melde gehorsamst, Herr Bundespräsident: keine besonderen Vorkommnisse.“
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Stefan-Kai Obst
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