23.09.2010, 21:01 Uhr
Joseph Goebbels (Moritz Bleibtreu), Schauspieler Ferdinand Marian (Tobias Moretti) und Regisseur Veit Harlan (Justus von Dohnányi) bei einer Drehbuchbesprechung zum Film "Jud Süß". (Foto: Concorde)
1940 landete Joseph Goebbels (Moritz Bleibtreu) den größten Coup in seiner Karriere als Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda. Veit Harlan (Justus von Dohnányi) inszenierte einen antisemitischen Film, "wie wir ihn uns nur wünschen können" (Joseph Goebbels). Dazu wurde kurzerhand die Geschichte des jüdischen Finanzberaters Joseph Süß Oppenheimer, der im 18. Jahrhundert dem württembergischen Herzog Karl Alexander diente, in eine der Nazidoktrin dienenden Fassung adaptiert. Doch auch wenn der antisemitische Ton und der freizügige Umgang mit der Historie durchaus den Geschmack des Publikums trafen, lehnten die meisten Schauspieler es ab, den Part des ideologisch typisierten Juden zu spielen. Schließlich konnte der mäßig erfolgreiche Österreicher Ferdinand Marian (Tobias Moretti) für diese Rolle verpflichtet werden. Trotz großer Konflikte mit seiner Frau Anna (Martina Gedeck) und eigener Zweifel mimte er das Paradebeispiel des geldgierigen, amoralischen Juden in dem von mehr als 20 Millionen Zuschauern frenetisch gefeierten Film. Doch sein größter schauspielerischer Erfolg ruinierte Marian komplett. Anfangs privat, später auch beruflich...
Nach anfänglichem Zögern nimmt der junge Schauspieler die brisante Rolle des Antihelden an, die zuvor von namhaften Kollegen wie Emil Jannings, Gustav Gründgens und Paul Dahlke abgelehnt wurde. Seine Zweifel, in Zukunft auf die moralisch fragwürdige Rolle festgelegt zu sein, opfert er zugunsten dieser wohl einmaligen Karrierechance. Auch die Bedenken seiner Frau Anna, die zum Teil jüdischer Abstammung ist, wischt er beiseite. Er behauptet, das Bild vom raffgierigen und amoralischen Juden dank seiner Interpretation der Rolle mildern zu können. Doch er täuscht sich: Der Film wird ein Publikumsmagnet, der seine Botschaft gezielt an den Mann bringt. So werden Sondervorstellungen zwecks moralischer Stärkung der Truppen gegeben und synchron zur Ausstrahlung jüdische Häftlinge in den KZs misshandelt. Am fragwürdigen Erfolg zerbricht die Ehe der Marians und der junge Schauspieler beginnt, sich mit Alkohol und sexuellen Eskapaden systematisch zugrunde zu richten.
Es sollte der Versuch einer gemeinsamen deutsch-österreichischen Vergangenheitsbewältigung sein. Das Drama "Jud Süss - Film ohne Gewissen" von Oskar Roehler ist weniger eine Chronik der damaligen Zeit, noch deren wertneutrale Dokumentation. Vielmehr wurde der emotionale Aspekt eines für heutige Verhältnisse kaum nachvollziehbaren Massenphänomens in den Fokus gesetzt. Originalsequenzen aus dem Agitationsfilm wurden mit fiktiven Geschehnissen vermischt und ergeben eine Parallelhandlung zur Geschichte. Zum stimmigen Plot kommt noch die Traumbesetzung mit Moritz Bleibtreu als gnadenlosem, aber auch charmant eloquentem Agitator Goebbels, Tobias Moretti als wankelmütigem Schwächling Ferdinand Marian mit einer würdevollen Martina Gedeck in der Rolle seiner halbjüdischen Ehefrau Anna. Im öffentlichen Kreuzfeuer steht oft die fehlende Faktentreue, die schmälert aber keineswegs den Beitrag des Films, ein unliebsames Thema ins öffentliche Bewusstsein dringen zu lassen, zumal die historischen Verdreher auch ironisch gedeutet werden können. Und auch jenseits der politischen Debatte bietet dieser Film eine spannende Lektion und fordert zu einem eigenen Urteil heraus.
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