03.04.2008, 13:34 Uhr | Lars Schmidt
Bruce Darnell: Mit eigener Show gefloppt. (Foto: imago)Die RTL-Serie "Die Anwälte": abgesetzt. Der "Fun Freitag" auf Sat.1: abgeschafft. Bruce Darnells Styling-Show in der ARD: ein Quotendesaster. Noch nie in der Geschichte des deutschen Fernsehens floppten im ersten Quartal eines Jahres so viele Formate, wurden so viele Sendungen abgesetzt. Dabei trafen die Misserfolge fast alle Sender und Genres. Doch woran liegt das? Planen die Programmverantwortlichen am Publikum vorbei? Fakt ist, dass aus den verlässlichen Zuschauern von gestern unberechenbare Zeitgenossen geworden sind. "Das Internet hat die Situation der klassischen Medien verkompliziert und das Zuschauerverhalten verändert", erklärt der Medienpsychologe Prof. Jo Groebel im Interview mit T-Online. Die wahrgenommene Misere und vorschnellen Absetzungen seien aber auch zurückzuführen auf veraltete Methoden zur Erfassung der Einschaltquoten. "Diese so genannte werberelevante Zielgruppe der 14 bis 49-Jährigen ist völliger Humbug", so Groebel.
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Hoher Altersdurchschnitt
Der Altersdurchschnitt der TV-Zuschauer liegt laut Prof. Jo Groebel mittlerweile bei über 50 Jahren. Auch bei den Privatsendern. Anders als in der Vergangenheit ist diese Altersgruppe aber heutzutage sehr konsumfreudig. Da sie jedoch für die werberelevante Quotenerhebung nicht mitgezählt wird, wird auch das Programm nicht auf sie abgestimmt. Die unter 30-Jährige suchen sich unterdessen immer mehr alternative Angebote.
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Kopien verursachen Sättigung
Mangelnde Kreativität sieht der Direktor des Deutschen Digitalen Instituts in Berlin dagegen nicht als Ursache für die vielen Flops. "Große TV-Innovationen gibt es nur etwa alle zehn Jahre", weiß er. "In den Neunzigern waren das die Reality-Shows, in diesem Jahrzehnt sind es die Castings." Da aber die meisten Sender sofort kopieren, was bei einem Konkurrenten erfolgreich läuft, setzt sich schnell ein Sättigungseffekt ein. Und was nicht binnen kürzester Zeit die gewünschte Quote bringt, wird genauso schnell wieder eingestellt, wie es produziert wurde. "Unter dem hohen Konkurrenzdruck fehlt den Sendern der lange Atem, den Formaten eine Chance zu geben", bemängelt Groebel.
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"Versuch und Irrtum"
Letztendlich ist Fernsehen aber immer eine Frage von "Versuch und Irrtum". So funktionierte ein Bruce Darnell an der Seite von Heidi Klum in deren Model-Casting-Show perfekt. "Was aber nicht bedeutet, dass auch seine eigene Show in der ARD funktioniert", so der Professor. Den Öffentlich-Rechtlichen wirft der Medienexperte in diesem Zusammenhang vor, keine jungen Talente mehr aufzubauen. Stattdessen würden sie für viel Geld Stars von anderen Sendern einkaufen. Im Falle von Harald Schmidt sogar jemanden, den sie selbst einst groß gemacht hatten. Wenn diese Stars dann nicht den gewünschten Erfolg bringen, wird natürlich sofort Kritik laut. Ebenso, wenn mit Casting- und Dating-Shows Formate der Privaten kopiert werden, die sich dann auch noch gnadenlos als Flop herausstellen - wie aktuell im ZDF mit "Musical Superstar" und im Ersten mit "Ich weiß, wer gut für dich ist". Selbst ein Thomas Gottschalk als Moderator kann dann nichts mehr retten.
Gute Kritiken statt guter Quoten
Ohne ein Umdenken der TV-Anstalten wird sich am jetzigen Programm auf den Mattscheiben der Nation vorerst nichts ändern. Neben einer neuen Messmethode zum Zuschauerverhalten müssen die Sender - mit dem Mut zum Flop - junge Talente fördern und neuen Formaten Zeit lassen, sich zu entwickeln, fordert Groebel und führt als Beispiel die "Lindenstraße" ins Feld. "Die wurde anfangs belächelt und war nur mäßig erfolgreich. Heute ist sie ein Dauerbrenner." Außerdem sollten sich die Fernsehmacher ihres Quotendenkens entledigen. "Alle haben die Quote zum Mythos erhoben. Über gute Kritiken freut sich dagegen niemand mehr."
Lars Schmidt
Reiners schrieb:
am 6. April 2010 um 13:56:05
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Quoten
Bravo Herr Professor, die Sender haben einen Vorreiter und der Rest
brilliert als Copieranstalt (wobei jede Copy schlechter ist, als
das Original, also ein ganz müder Abklatsch). Kein Wunder, daß der Zuschauer sich auf seine Weise dafür bedankt.
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