30.09.2010, 10:07 Uhr | SaWo
Nadja Benaissa (Foto: dpa)
Das letzte Mal, dass ich ein Buch in so kurzer Zeit gelesen habe, ist lange her. Doch ich kann mich natürlich noch an den Titel erinnern: "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" handelte von der bewegten Geschichte der heroinabhängigen Christiane F., die als Kind in einen düsteren Sumpf aus Drogen und Verzweiflung abrutscht. Jetzt habe ich fast ein Déjà-vu: Nicht die Umstände stimmen überein, jedoch die Faszination, einen Einblick in die reale Geschichte eines Menschen zu bekommen. Dieser Mensch heißt Nadja Benaissa. Auch sie hat eine Biografie mit dem Titel "Nadja Benaissa -Alles wird gut" veröffentlicht und damit einen sehr intimen Einblick in ihre Vergangenheit gegeben. Sie will nicht länger aufgrund ihrer HIV-Infektion verurteilt werden, Stigmatisierung ist ihr zuwider.
Die 28-Jährigewill aufräumen, will ihr Leben vor allem für die Öffentlichkeit strukturieren. Denn die Öffentlichkeit und der Umgang mit ihr sind in den letzten Monaten zu einer schmerzlichen Erfahrung für sie geworden. Als Mitglied der ersten deutschen Casting-Girlband No Angels wurde sie zum Shootingstar, ihr Alltag fortan beleuchtet, das Image blieb sauber. Bis zum 11. April 2009. Dieser Tag sollte alles bisher Dagewesene und Erlebte in den Schatten stellen: Nadja Benaissa wurde vor einem Auftritt verhaftet, inhaftiert und angeklagt. Sie habe mindestens einen Mann beim ungeschützten Sex mit dem HI-Virus infiziert. Von gefährlicher Körperverletzung war die Rede.
Doch beginnen wir mit dem Anfang dieser gelungenen Biografie: Schon das erste Kapitel verspricht Spannung, weil alles der Realität entspricht. Nichts ist beschönigt, nichts aufgesetzt. Nadja Benaissa hat sich mit der Autorin Tinka Dippel zusammengetan und ihr ihre Geschichte erzählt - mit allen Höhen und vor allem Tiefen. Nadjas Kindheit beginnt zunächst vielversprechend: Sie ist eine Musterschülerin, ihre Zeugnisse gespickt mit Einsern und Zweiern. Weiße Strumpfhose, Lackschuhe, Rüschenbluse - ein typisches Mädchen eben, das zudem mit einem großen musikalischen Talent gesegnet ist. An ihrer Seite ist ihr großer Bruder Amin, der sie beschützt und auf sie aufpasst. Doch irgendwann drängt Nadja raus aus dieser heilen Welt, fängt an zu pubertieren, zu rebellieren. Sie ist 13 Jahre alt, als sie nicht mehr auf die Eltern hören will und immer weiter in die falschen Kreise gerät. Sie raucht Marihuana wie andere Zigaretten, heißt es in ihrer Biografie. Nachts knotet sie Bettlaken aneinander, um von zu Hause auszubüxen. Sie wird erwischt, kriegt Ärger und haut beim nächsten Mal wieder ab. Je mehr die Eltern versuchen ihr Kind zu beschützen, von negativen Einflüssen fernzuhalten, desto mehr entfremdet es sich.
Marihuana reicht ihr irgendwann nicht mehr. Sie versucht es mit Crack und wird schnell abhängig. Ihre Sucht versucht sie im Frankfurter Drogenmilieu zu befriedigen. Fortan ist sie eine Gefangene ihrer selbst. Ihr Weg führt nach Berlin, die Eltern wissen lange Zeit nicht, wo sie sich aufhält. Doch irgendwann taucht Nadja wieder auf. Zu diesem Zeitpunkt ist sie 16 Jahre alt, schwanger und bereits mit dem HI-Virus infiziert. Bei einer harmlosen Operation werden die Ärzte darauf aufmerksam und knallen ihr die Diagnose an den Kopf. Der Schock sitzt tief, es klingt wie eine Todeserklärung und bedeutet für die werdende Mutter doch einen neuen Lebensanfang. Von da an will sie kämpfen, für sich und vor allem für ihre kleine Tochter Leila.
Sie beginnt ihr Leben neu zu ordnen: Leila ist der Mittelpunkt ihres Leben, aber auch die Musik ist ihr ständiger Begleiter. So kommt es, dass sie im Sommer 2000 beim ersten "Popstars"-Casting vorsingt. Sie ist so gut, dass sie alle Runden mühelos übersteht und ein Teil der bislang erfolgreichsten deutschen Girlband wird. Der Hype hat jedoch auch seine Schattenseiten: Kontrolle, Druck, Stress und vor allem ein Leben ohne ihre Tochter. Sie versucht so gut es geht, die Rolle einer fürsorgenden Mutter zu erfüllen und wird sich bewusst, dass dies als Popstar nicht immer einfach ist. Zugleich wird der Druck auf ein Outing ihrer HIV-Infektion immer größer. Doch Nadja bleibt hart und schweigt aus Angst, ihre Tochter und sie selbst könnten stigmatisiert werden.
Die Zeit bei den No Angels hat Nadja geprägt. Heute sagt sie: "Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte und heute wäre das Casting – ich würde nicht hingehen. Und wenn die Leila zu einem gehen wollte, würde ich es ihr verbieten. Weil ich in den zehn Jahren nicht glücklich geworden bin." Es beginnt ein Kampf: Sie hungert, nur damit sie beim Fotoshooting gut aussieht, ist auf ihre Manager und die vielen Berater angewiesen. Die Band schwimmt eine zeitlang auf der Erfolgswelle ganz oben, doch auch Tiefpunkte bleiben nicht aus. Im Dezember 2003 trennt sich die Band, Nadja versucht mit Soloprojekten Fuß zu fassen. Es ist auch die Zeit, in der sie mit ihrer Tante das Nachtleben von Frankfurt genießt und dabei einen Mann kennenlernt, der später noch eine entscheidende Rolle in ihrem Leben spielen wird. Sie verbringt einige Nächte mit ihm, sie haben Sex ohne Kondom - und Nadja erzählt ihm nichts von ihrer Infektion.
Heute sagt sie: "Manchmal halte ich die Schuldgefühle und die negativen Gefühle mir selber gegenüber kaum aus. Wenn ich das ohne die ganzen Umstände sehe, ist da dieser Fakt: Ich bin mit diesem Mann ins Bett, ich habe es ihm nicht gesagt, ich bin ein krasses Arschloch. Dann kippt das wieder, dann sehe ich die Umstände und die ganze Situation, wie das alles so weit gekommen ist. Und was danach gekommen ist. Es ist schwierig da auf einen Punkt zu kommen." Sie hofft und bangt, dass er sich nicht angesteckt hat, versucht ihr Leben neu zu ordnen und wagt im Januar 2007 sogar ein Comeback mit den No Angeles. Doch die Vergangenheit holt Nadja ein. Als sie nach einem Sommer in Los Angeles zurück nach Hause kommt, liegt ein Schreiben vom Rechtsanwalt in ihrem Briefkasten. Sie wird angeklagt, den Mann beim ungeschützten Sex mit dem HI-Virus infiziert zu haben. Was jetzt folgt, dürfte uns allen noch sehr präsent im Gedächtnis sein: Nadja wird verhaftet, 11 Tage inhaftiert, es beginnt eine mediale Schlammschlacht, in der sie öffentlich an den Pranger gestellt wird.
Wir kennen den Ausgang des Prozesses, der vier Monate nach der Anklage in Darmstadt stattfindet. Nadja Benaissa bekommt zwei Jahre auf Bewährung, muss in einer Therapie ihre Vergangenheit aufarbeiten und 300 Sozialstunden leisten. Heute ist sie ein anderer Mensch. Durch ihr unfreiwilliges Outing ist der Druck weg, dafür wird es immer wieder Menschen geben, die mit dem Finger auf sie zeigen. Doch Nadja hat feste Pläne für die Zukunft: Sie will nach Berlin ziehen, weiterhin ohne die No Angels Musik machen und vor allem für ihre Tochter da sein. Ganz nach dem Motto: "Alles wird gut." Ich wünsche es ihr.
"Nadja Benaissa - Alles wird gut"
Tinka Dippel
Edel: Books, 2010
Preis: EUR 19,95
Quelle: t-online.de
Karl schrieb:
am 30. September 2010 um 18:57:44
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@ E.K.
Was hätten Sie denn gemacht, wenn Sie Richter wären? Ich empfehle Ihnen, erst mal das Deutsche Strafrecht zu studieren, ehe Sie hier
polemischen Unsinn verbreiten ... Und noch ein Gedanke, den ich gerne aufgreifen möchte: Es steht jedem Menschen frei, seine Biografie zu veröffentlichen, sein Leben, sein Leiden zu erzählen, also bitte an alle, die hier ablästern und Stimmung machen: Schreiben Sie Ihre Geschichte, mal sehen, was raus kommt. Guten Abend! :-)
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bz schrieb:
am 30. September 2010 um 18:20:10
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Es gehören doch immer noch zwei dazu, oder?
Man kann jetzt viel darüber diskutieren, wer Schuld an der ganzen Sache ist, aber soweit ich
mich erinnere, gehören zum Sex immer 2 Personen. Und wenn der Mann der Meinung ist, kein Kondom zu benutzen bei einer ihm relativ unbekannten Frau, so ist er nicht ganz unschuldig, dass er jetzt mit diesem Virus leben muss. Dennoch hätte sie die Krankheit nicht verschweigen dürfen. Aber wenn ich die Reaktionen hier lese, kann ich Nadja auch verstehen, dass sie ihre Krankheit nicht öffentlich gemacht hat.
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Blonder Engel schrieb:
am 30. September 2010 um 18:01:10
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Ich hoffe sehr,
dass dieses Buch NIEMAND kauft!
Keinen einigen Cent sollte sie verdienen...
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