24.10.2011, 15:44 Uhr | CK
Steven Spielberg sprach mit t-online.de über "Tim und Struppi" und den wichtigsten Moment seines Lebens. (Quelle: Reuters)
t-online.de: Mr. Spielberg, am 27. Oktober läuft Ihr neuer Film "Tim und Struppi" in den Kinos an. Sie verrieten vor Kurzem, dass Sie "Tim und Struppi" erst Anfang der 80er kennenlernten, als ein französischer Kritiker den Indiana-Jones-Film "Jäger des verlorenen Schatzes" mit den belgischen Comics verglich. Was sind Ihrer Meinung nach die Gemeinsamkeiten zwischen Indiana Jones und Tim und worin unterscheiden sich die beiden?
Steven Spielberg: Nun, es gibt mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten, aber es handelt sich bei beiden ganz offensichtlich um getriebene Charaktere, die von Rätseln, Spannung und Gefahr umgeben sind und die mysteriösen Hinweisen um die halbe Welt folgen. Diese Handlung verbindet nicht nur Indiana Jones mit Hergés "Tim und Struppi". Vielmehr wurde auch Hergé durch Abenteuergeschichten inspiriert, die er in Büchern gelesen hatte. In einer gewissen Hinsicht sind "Tim und Struppi" und "Indiana Jones" also beide Teil des Abenteuer-Genres, und das folgt immer denselben Regeln. So sind die Regeln, denen wir mit "Indiana Jones" gefolgt sind, ohne jemals von "Tim und Struppi" gehört zu haben, die gleichen Regeln, denen Hergé schon vorher folgte.
t-online.de: Sie hatten seit 1983 die Rechte an der Verfilmung von "Tim und Struppi". Bis zur Umsetzung dauerte es nun jedoch 28 Jahre. Woran lag das?
Spielberg: Wissen Sie, diese Frage wurde mir schon öfter gestellt und ich habe viele Antworten darauf gegeben, mit denen ich nie ganz zufrieden war. [Lacht.] Ich möchte sagen: Vielleicht war die Verzögerung so etwas wie eine Fügung des Schicksals, denn in einem gewissen Sinn wäre der Film als Realverfilmung nicht das Gleiche gewesen. Was mich in den frühen 80ern dazu brachte, den Film zu verschieben, war hauptsächlich die Tatsache, dass ich kein Drehbuch entwickeln konnte, mit dem ich zufrieden war und von dem ich dachte, dass es Hergé gerecht werden würde. Aber vielleicht ist es so, dass die Technologie, die wir nun benutzten - das Digital-Performance-Capture-Verfahren - die einzig mögliche Weise war, wie wir diese Geschichte im Stile von Hergés Illustrationen umsetzen und ehren konnten. Und vielleicht ist es einfach das, was dazwischen kam.
t-online.de: Also sind Sie froh, dass Sie den Film nicht schon vorher gemacht haben?
Spielberg: Ja, ich bin sehr froh, dass ich ihn nicht als Realverfilmung gedreht habe.
t-online.de: An welches Publikum wendet sich "Tim und Struppi"?
Spielberg: Ich würde sagen, dass dieser Film etwas für jeden zwischen acht und 98 ist. Ich habe ihn für alle Zuschauer gemacht, nicht nur für "Tim und Struppi"-Fans. Natürlich wollte ich die Fans in den Prozess mit einbeziehen, was ich auch getan habe. Die Art, wie wir die Charaktere gestaltet haben, wie wir die Welt gestaltet haben, das war alles für die Fans. Aber es ist auch ein Film für jedermann und für alle Altersklassen.
t-online.de: Die ersten "Tim und Struppi"-Abenteuer erschienen vor über 80 Jahren. Was macht die Geschichten auch heute noch so faszinierend?
Spielberg: Ich denke, dass Tim als Journalist sehr beharrlich und ernsthaft ist und vor nichts Halt macht, um die Geheimnisse zu enthüllen, auf die er als Reporter stößt. Und ich denke, weil er so eine strenge moralische Einstellung hat und in seinem Engagement, Verbrechen aufzuklären und Rätsel zu lösen, so ernsthaft ist, ist er von wirklich schrulligen, exotischen, überlebensgroßen Figuren umgeben. Dieser Kontrast zwischen dem puritanischen Tim und den eher exotischen Nebenfiguren, sowohl den Guten als auch den Bösen, macht diese Geschichte sehr einzigartig.
t-online.de: "Herr der Ringe"-Regisseur Peter Jackson ist Co-Produzent von "Tim und Struppi" und soll beim geplanten zweiten Teil Regie führen. Wie klappte die Zusammenarbeit mit ihm? Kommt es bei zwei solch visionären Filmemachern nicht auch mal zu kreativen Differenzen? Und wird es schwer für Sie sein, beim geplanten zweiten Teil die Regie an ihn abzugeben?
Spielberg: Nein, weil ich beim zweiten Film sehr eng mit ihm zusammenarbeiten werde, wenn es einen zweiten Film gibt. Wir sind dicke Freunde, wir arbeiten sehr gut zusammen, wir sehen Tim sogar auf die gleiche Weise. Wir hatten nie eine Meinungsverschiedenheit. So etwas wie Unrecht zu haben gab es nicht. Es war einfach so, dass wir gerne die ganze Zeit neue Ideen ausprobierten, und es war eine faszinierende und sehr lustige Zusammenarbeit. Peter bringt mich zum Lachen und tatsächlich schaffte ich es, auch Peter viel zum Lachen zu bringen während dieses ganzen Prozesses. Der Film ist ein solcher Spaß. Ich denke, wir hatten so viel Spaß dabei, ihn zu machen, wie die Leute dabei haben werden, ihn zu sehen. Und so hatten wir niemals eine Meinungsverschiedenheit. Wir bewunderten beide Hergé und wollten ihm einen Dienst erweisen.
t-online.de: "Tim und Struppi" ist Ihre erste Comicverfilmung. Welchen anderen Comic würden Sie gerne auf die Leinwand bringen?
Spielberg: Wissen Sie, ich mochte "Spider-Man" als Zuschauer, aber ich habe nie "Spider-Man" machen wollen. Ich habe "Batman" als ergebenes Mitglied des Publikums bewundert, aber ich habe nie den Zwang oder die Leidenschaft verspürt, "Batman" oder "Superman" oder einen der anderen berühmten Marvel- oder DC-Comics zu verfilmen. Sie sprechen mich als Fan und Leser an, aber sie sprechen mich nicht als Regisseur an. Tim hingegen aus irgendeinem Grund schon. Er ist so sehr Teil unserer Wirklichkeit - er arbeitet in der realen Welt, er hat keine Superkräfte, er kann nicht fliegen und er muss Kugeln ausweichen, sonst gäbe es keinen Tim mehr. Ich mag seine Verletzlichkeit und ich mag die Tatsache, dass er ein sehr realer Charakter ist.
t-online.de: Sie haben in Ihrem Leben eigentlich schon alles erreicht, was man als Regisseur erreichen kann. Sie haben die wichtigsten Auszeichnungen der Filmbranche erhalten und Meilensteine der Kinogeschichte geschaffen. Was wollen Sie noch in Hollywood? Was treibt Sie an? Und denken Sie manchmal ans Aufhören?
Spielberg: Nein, es ist mir noch nie in den Sinn gekommen aufzuhören. Und jeder neue Film, den ich mache, ist wie ein neuer Anfang. Jedes Mal, wenn ich einen Film mache, habe ich das Gefühl, nochmal neu zu beginnen. Ich weiß, ich habe viel Erfahrung und ich weiß, wie man einen Film macht - besser als ich vor 40 Jahren wusste, wie man einen Film macht - aber das ist nur Teil des unterbewussten Prozesses. Mein Enthusiasmus und meine Verwunderung, eine Geschichte erzählen zu können, geben mir das Gefühl, von vorne anzufangen. Ich fühle meine Erfahrung nicht, ich fühle meine Geschichte nicht und ich versuche sehr, nicht daran erinnert zu werden. [Lacht.]
t-online.de: Wir würden Sie gerne bitten, einen unvergesslichen Moment aus Ihrer Karriere mit uns zu teilen.Welches Ereignis oder welche Situation wird Ihnen für immer im Gedächtnis bleiben?
Spielberg: Das wichtigste Erlebnis in meinem Leben war der letzte Drehtag von "E.T.". Die Kinder waren mir sehr ans Herz gewachsen, Robert McNaughton, Henry Thomas und Drew Barrymore, die im Film Michael, Elliot und Gerdie spielten. Und ich hatte noch keine Kinder und ich war sehr, sehr traurig, Abschied nehmen zu müssen. Wir drehten den Film fortlaufend, so dass die letzte Szene, die wir drehten, die war, in der das Raumschiff abhebt und losfliegt, und wir waren am Ende dieser Erfahrung alle in Tränen aufgelöst. Und in dem Moment, als ich nach Hause zurückkehrte und die Kinder alle zu ihren Familien zurückkehrten, wurde mir zum ersten Mal in meinem Leben klar, dass ich Vater werden wollte.
t-online.de: Und Drew Barrymore wurde damals Ihre Patentochter?
Spielberg: Drew Barrymore ist meine adoptierte Patentochter. [Lacht.] Ich machte sie sozusagen in dem Moment, in dem wir den Film abgedreht hatten, zu meiner inoffiziellen Patentochter. Sie ist es nicht wirklich. Ich behaupte immer, ihr Patenonkel zu sein, und sie behauptet das Gleiche. Drew und ich reden noch immer ständig miteinander. Wir stehen uns nahe, seit sie sieben Jahre alt war.
t-online.de: Während wir miteinander sprechen, arbeiten Sie gerade am Set Ihres neuen Films "Lincoln". Können Sie uns schon etwas über dieses Projekt erzählen?
Spielberg: Nein, das ist erst meine zweite Woche am Set, deshalb ist es noch zu früh, um darüber zu reden. Aber ich freue mich darauf, 2012 mit Ihnen über “Lincoln” zu reden, denn der Film wird im Dezember 2012 herauskommen.
t-online.de: Vielen Dank für das Interview.
Spielberg: Ich danke Ihnen.
Quelle: t-online.de
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