Wacken-Fans: Auf dem Metal-Festival war es lauter als die Hölle. (Foto: ddp)Donnernde Gitarrenklänge beim weltweit größten Heavy-Metal-Festival: Rund 75 000 Menschen haben am Samstag bei strahlendem Sonnenschein in Wacken in Schleswig-Holstein kräftig "abgerockt". Mehr als 80 Bands aus allen Erdteilen beschallten das sonst beschauliche Dorf zum Teil gleichzeitig von mehreren Bühnen aus mit einer Lautstärke von bis zu 120 Dezibel. In der Nacht zum Sonntag ging das dreitägige Spektakel zu Ende. Ein Drittel der Fans kam aus dem Ausland. Unter dem Motto "20 Years Louder Than Hell" (20 Jahre lauter als die Hölle) war nach alter Tradition auch die 20. Auflage des Festes bereits am Mittwoch inoffiziell von der Wackener Feuerwehrkapelle, den Wacken Fire Fighters, eröffnet worden. Was 1990 aus einer Bierlaune heraus als Open-Air-Konzert auf einer Kuhweide begann, hat sich mit der Zeit zum weltgrößten Heavy- Metal-Festival entwickelt. «Im ersten Jahr kamen 800 Gäste, ich spielte mit meiner Band und zapfte nebenbei Bier», sagte Thomas Jensen, der gemeinsam mit seinem Kumpel Holger Hübner das Festival gründete und auch heute noch organisiert.
Von Donnerstag bis Samstag standen bekannte Bands der Szene, unter anderem Doro, Saxon und Motörhead, auf den Bühnen. Für ein Paar aus Schleswig-Holstein wird das Spektakel wohl unvergesslich bleiben: Die fanatischen Wacken-Fans ließen sich auf einer Nebenbühne trauen. Für die Zeremonie zog Wackens Pastor Lars Därmann einen Talar über sein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift: "Ich gehör' zu Gottes Bodenpersonal"
Metal als Konjunkturprogramm
Neben sich hat der Rentner liebevoll selbstgemachte Marmelade und Säfte aus Himbeeren und Brombeeren aufgereiht. "Das macht 'ne Menge Arbeit, das ist alles aus der Natur." Opa Willi verkauft seit sieben Jahren am Eingang zum W:O:A seine Naturprodukte ("Damit die jungen Leute auch mal was Gesundes bekommen"). Für ihn und die Dorfbewohner ist der alljährliche Einfall von zehntausenden "Metalheads" das beste Konjunkturprogramm in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise.
Nach alter Tradition wurde auch die 20. Auflage des Spektakels bereits am Mittwoch inoffiziell von der Wackener Feuerwehrkapelle, den Wacken Fire Fighters, eröffnet. Volker Vette, Chef der Fire Fighters, ist kurz vor dem Auftritt die Ruhe selbst. Er sitzt bei einem Bierchen im Landgasthof "Zur Post" an der Hauptstraße. Über ihm, an der Wirtshaus-Fassade heißt es auf einem Transparent: "Freu dich, Du bist in Wacken". "Alles roger", sagt Vette. Einem langhaarigen Metal-Fan mit freiem Oberkörper rät der 69-Jährige, sich unbedingt die neue Platte der 1900 gegründeten Feuerwehrkapelle zu kaufen. Der Titel: "In the Biergarten."
Es begann mit 800 Fans
Was 1990 aus einer Bierlaune heraus als Open-Air-Konzert auf einer Kuhweide begann, hat sich mit der Zeit zum weltgrößten Heavy-Metal-Festival entwickelt. "Im ersten Jahr kamen 800 Gäste, ich spielte mit meiner Band und zapfte nebenbei Bier", erzählt Thomas Jensen, der gemeinsam mit seinem Kumpel Holger Hübner das W:O:A gründete und auch heute noch organisiert. Es sei weitaus krisensicherer als die restliche Musikbranche: "Das hier ist für viele Besucher eine gute Ablenkung, hier können sie mal ordentlich Dampf ablassen", sagt er, während er mit seinem Wagen über das Gelände fährt, das die Größe von etwa 270 Fußballfeldern hat. Aus den Boxen im Auto dröhnt laute Musik. "Auf nach Waaacken", brüllt Tom Angelripper, ein Lied das die Metal-Größe eigens für das W:O:A getextet hat.
Wenn's zu laut wird - Fenster zu
Stoisch gelassen und mit einem fröhlichen Moin, begrüßen die Wackener wenige hundert Meter entfernt die Fans der lauten Musik. "Das sind ganz freundliche Leute, die helfen mir mit meinem Rollator immer über die Straße", sagt Elfriede Bolls (73), die vor der Backstube Sievers sitzt. "Ich persönlich mag ja diese Doro, das ist doch die mit den blonden Haaren, das hör' ich mir an." Und wenn ihr die Musik zu laut wird? "Och, dann mach' ich das Fenster zu."
Biertransfer für fünf Euro
Auf den Bürgersteigen bringt unterdessen der Dorfnachwuchs auf Kettcars und Anhängern Bierkisten und Zelte zum Gelände. Für einen Transport von der Bäckerei bis zum Campingplatz kassieren die Kinder fünf Euro. "Die Preise sind stabil, das kostet das gleiche wie letztes Jahr", sagt die kleine Sandra. Andere Wackener verdienen im großen Stil. So betreibt Gastronom Torsten Arp zur Festivalzeit zwei Biergärten mit insgesamt 6000 Plätzen. Das Erfolgsgeheimnis des Festivals ist, dass das ganze Dorf mitmacht und das Festival als willkommene Abwechselung liebt. Mit hunderten Helfern organisiert zum Beispiel Bauer Uwe Trede nach dem Spektakel das Mülleinsammeln, und viele Landwirte vermieten bereitwillig ihre Weiden für das W:O:A.
Veranstalter fördern die Kommune
Im Gegenzug fördern die Veranstalter die Kommune. Der Kindergarten wird subventioniert, das Freibad hätte wohl längst dicht gemacht, würde es nicht den Ansturm tausender "Metalheads" geben und mit 7000 Euro im Jahr unterstützt. Seit vergangenem Sommer investierten die Organisatoren 600.000 Euro in das Festival-Gelände, indem sie Abwasseranlagen bauten oder die Stromversorgung verbesserten. Dabei wollen sie behutsam vorgehen, ohne die Weiden zu beschädigen. "Denn die Landwirtschaft macht ja auch den Charme des Festivals aus", sagt Jensen. Noch größer soll das Ganze nicht werden. "Sonst geht irgendwann das besondere Gefühl hier verloren."